80% auf der Roten Liste: Die stille Krise der Schweizer Frösche und Kröten
Jedes Frühjahr, wenn die Nächte feuchter werden und das Thermometer über 5°C steigt, beginnt eines der bemerkenswertesten Naturschauspiele der Schweiz: die Amphibien-Wanderung.
Millionen von Fröschen, Kröten und Molchen machen sich auf den Weg — von ihren Winterquartieren zu den Laichgewässern, in denen sie geboren wurden. Viele legen dabei Strecken von mehreren Kilometern zurück. Und viele überleben diesen Weg nicht.
Die Zahlen hinter der Krise
- 19 einheimische Amphibienarten leben in der Schweiz
- 15 davon — also knapp 80% — stehen auf der Roten Liste als gefährdet
- 90% der Schweizer Feuchtgebiete wurden in den letzten 150 Jahren trockengelegt oder überbaut
- Jedes Jahr werden über 270'000 Amphibien von Freiwilligen über Strassen getragen — eine enorme Leistung, die zeigt wie ernst die Lage ist
Diese Zahlen stammen nicht aus einem Alarmisten-Bericht — sie kommen vom Bundesamt für Umwelt (BAFU) und von info fauna, der nationalen Amphibien-Datenbank der Schweiz.
Warum Amphibien verschwinden
Verlust von Feuchtgebieten Teiche, Tümpel, Sumpfflächen — sie wurden im 20. Jahrhundert systematisch entwässert, für Landwirtschaft, Bauprojekte, Strassen. Was früher in jedem Dorf vorhanden war, gibt es heute kaum noch. Ohne Laichgewässer keine Reproduktion.
Strassentod Die Wanderung von Winterquartier zu Laichgewässer führt oft über Strassen. In der Nacht, bei Regen, sind die Tiere kaum sichtbar. Viele werden überfahren — manchmal in so grossen Zahlen, dass lokale Bestände zusammenbrechen.
Klimawandel Mildere Winter bringen Kröten früher auf Wanderschaft — dann folgen wieder Frostnächte. Die Tiere sind unterkühlt und sterben. Extremsommer trocknen Laichgewässer aus. Timing und Temperaturen passen nicht mehr zusammen.
Pestizide und Wasserverschmutzung Amphibien atmen durch ihre Haut — Pestizide im Wasser oder Boden nehmen sie direkt auf. Ihre Durchlässigkeit macht sie zu extrem empfindlichen Indikatoren der Umweltqualität.
Die Kröten-Wanderung im März
Zwischen Mitte Februar und Ende März ist die Hauptwanderzeit der Erdkröte — der häufigsten und bekanntesten Amphibienart der Schweiz. Abends, bei Regen und Temperaturen über 5°C, brechen sie auf.
In der ganzen Schweiz engagieren sich Freiwillige, um Kröten sicher über die Strasse zu tragen. In manchen Kantonen werden dafür eigens Krötentunnel unter den Strassen gebaut. Freiwillige stellen Eimerfallen auf — Kröten fallen hinein, Menschen tragen sie auf die andere Strassenseite.
Über 270'000 Tiere werden so jährlich gerettet. Und trotzdem ist es nie genug.
Was du tun kannst
Gartenteich anlegen
Der wirkungsvollste Beitrag, den eine Privatperson leisten kann: einen Gartenteich anlegen. Selbst kleine Teiche (ab 2 m²) werden von Amphibien besiedelt — oft schon im ersten oder zweiten Jahr.
Wichtig:
- Flache Uferzone (damit Tiere ein- und auskriechen können)
- Keine Fische (sie fressen Laich und Kaulquappen)
- Einheimische Wasserpflanzen
- Kein Chemiedünger in der Umgebung
Ein Gartenteich ist auch für viele andere Arten ein Gewinn: Wasserinsekten, Libellen, Vögel, Igel, Fledermäuse — alle trinken und jagen dort.
Kröten-Wanderhilfe
Informiere dich, ob es in deiner Gemeinde eine organisierte Kröten-Wanderhilfe gibt (oft von lokalen Naturschutzvereinen, Gemeinden oder karch.ch koordiniert). Mitmachen ist einfach und unmittelbar wirksam.
Froschlaich schützen
Wenn du Froschlaich in einem Teich oder Tümpel siehst: Keine Entnahme, keine Umlagerung, kein Einbringen von Fischen. Einfach sein lassen und dokumentieren — diese Daten sind für die Wissenschaft wertvoll.
Bio-Hero Challenges für Amphibien
- 🏆 Gartenteich anlegen: 350 Punkte (MEGA Challenge)
- 🏆 Mini-Teich / Bottich-Teich: 150 Punkte
- 🏆 Kröten-Wanderhilfe leisten: 100 Punkte
- 🏆 Froschlaich schützen und dokumentieren: 60 Punkte
- 🏆 Laubfrosch-Sichtung melden: 100 Punkte
Wusstest du? Frösche kehren ihr ganzes Leben lang zum selben Laichgewässer zurück — dem Teich oder Tümpel, in dem sie selbst geschlüpft sind. Wenn dieser Teich verschwindet, können sie sich nicht anpassen. Sie suchen ihn und finden nichts.
Quellen: BAFU Amphibien Schweiz, info fauna / karch, Pro Natura Amphibienschutz, froschnetz.ch
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